NEUER REKORD TOURISMUS IN BERLIN – WER KOMMT, WAS DAS BRINGT UND WER SICH ÄRGERT

Rein statistisch ist es ein weiterer Rekord: 6,2 Millionen Touristen haben laut offizieller Rechnung im ersten Halbjahr Berlin besucht. Die meisten blieben mehr als eine Nacht, darum freuten sich die Hotels über 14,7 Millionen Übernachtungen, 3,8 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2016. Bundesweit lag die Steigerung bei drei Prozent. Am Donnerstag präsentierte der Chef der Tourismusagentur Visitberlin, Burkhard Kieker, die Hauptstadt-Zahlen. Ein Umstand trübt die Bilanz: Berlins Gäste halten ihr Geld zusammen. Ihre Ausgaben sind nur leicht gestiegen.

Herkunft der Besucher: Nach wie vor kommen die meisten Gäste aus Deutschland. Sie standen für 8,2 Millionen Übernachtungen. Auf Platz 2 sind die Briten (789 000), auf Rang 3 die US-Amerikaner (551 000). Auf den darauffolgenden Plätzen stehen die größeren europäischen Länder sowie Dänemark und Israel. Der französische Markt wuchs um 8,5 Prozent. „Das liegt an zahlreichen neuen Flugverbindungen“, sagte Kieker. Weniger Gäste kamen aus Skandinavien, dort reist man wegen des billigen Pfunds verstärkt nach London. Klar mehr Touristen kamen aus Russland (plus 20 Prozent) und China (plus 17).

Ausgaben pro Kopf: Alle zwei Jahre erhebt Visitberlin, wie viel Geld die Touristen in der Stadt lassen. 2016 waren es inklusive Übernachtungskosten 64,89 Euro pro Kopf und Tag, vier Prozent mehr als 2014. Das ist nur ein moderates Wachstum. Mehr Geld brächten Besucher aus Übersee, sagte Kieker. Aber die kämen nur in geringen Zahlen, weil Direktflüge fehlen.

Einnahmen: Insgesamt verdiente die Berliner Wirtschaft 11,6 Milliarden Euro am Tourismus, das waren 8,7 Prozent mehr als 2014. Knapp die Hälfte nahmen Hotels und Restaurants ein. In die Kassen des Einzelhandels flossen 3,7 Milliarden Euro. 2,3 Milliarden Euro nahmen Taxifahrer, Museen, Konzertveranstalter und andere Dienstleiter ein. Rechnerisch leben 235 000 Berliner vom Tourismus.

Privatbesucher und Tagesgäste: Sie tauchen in keiner Statistik auf – Berlin-Besucher, die bei Freunden auf der Couch schlafen oder nur einen Tag in der Stadt verbringen. Doch ihre Bedeutung ist immens. 2016 gab 109 Millionen Tagesgäste, also fast 300 000 pro Tag. Und die Zahl der Übernachtungen bei Freunden und Verwandten auf der Gästecouch überstieg knapp die in den Hotels: 33,2 Millionen.

Kongressteilnehmer: Berlin ist eine der wichtigsten Kongressstädte der Welt. Im ersten Halbjahr gab es 64 000 Veranstaltungen, das waren 350 pro Tag – von der ITB über die Re:publica bis zur Tattoo Convention. Aber die Kapazitäten begrenzen das Wachstum. „Wir haben nur zwei Orte für Kongresse mit mehr als 8 000 Teilnehmern“, sagte Burkhard Kieker. „Städte wie Paris haben vier oder mehr.“ Immerhin: Außer Estrel und Citycube soll Berlin eine weitere Halle auf dem Messegelände bekommen.

Anwohner: An immer mehr Orten Europas, die vom Tourismus überlastet sind, regt sich Protest. In Palma de Mallorca stürmten Aktivisten kürzlich ein Restaurant. In der Nähe von Barcelona stoppte eine Gruppe einen Bus, zerstörte die Reifen und forderte ein Ende des Massentourismus. Tourismuschef Kieker versicherte, man beobachte die Entwicklung genau. „Berlin lebt von seiner Authentizität, die müssen wir erhalten“, sagte er.

Anbindung: In Rage redete sich Kieker über den Volksentscheid zur Offenhaltung des Flughafens Tegel. Anders als vielfach vermutet wäre sie fatal für den Tourismus, meinte er: „Das ist ein Spiel mit der Zukunft der Stadt.“ Denn wenn sich der Tourismus in Berlin weiter positiv entwickeln solle, brauche die Stadt Langstreckenflüge. „Und die brauchen den BER als Knotenpunkt.“ Mailand sei ein Beispiel dafür, wie der Weiterbetrieb eines Stadtflughafens die Entwicklung des neuen Standorts Malpensa behindere. „Dort gibt es kaum Langstrecke.“ Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), der sich für Tegel ausspricht, käme das aber wohl gelegen, glaubt Kieker. „Er will den Flughafen München schützen.“

berliner-zeitung.de – Von Frederik Bombosch