Wird die Mafia in Deutschland unterschätzt?

Nachdem in Italien vier Männer aus dem Hinterhalt erschossen worden sind, wird dort auch „die zurückhaltende Verfolgung der Mafia“ in Deutschland kritisiert.

Nach tödlichen Schüssen aus dem Hinterhalt im süditalienischen Apulien werden in Rom Vorwürfe laut, die Mafia werde in Italien unterschätzt. Innenminister Marco Minniti wollte noch am Donnerstag mit Bürgermeistern der Region Foggia über die öffentliche Sicherheit beraten. In der Nähe der Provinzhauptstadt waren am Mittwoch vier Männer getötet worden. Die Schüsse galten allerdings nur einem von ihnen, dem mutmaßlichen Clan-Chef. Als Motiv wird Blutrache für einen Mord vermutet.

Die Wirtschaftstageszeitung „Il Sole 24 Ore“ schreibt, dass die Mafia auch in Deutschland unterschätzt werde. Nicht zuletzt die zurückhaltende Verfolgung der Mafia dort und in anderen Staaten nördlich der Alpen trage dazu bei, dass sich die Mafia immer wieder erholen könne. Zehn Jahre nach den Mafiamorden von Duisburg, bei denen am 15. August 2007 ein Kleinkrieg zwischen verfeindeten ’Ndrangheta-Familien aus dem kalabrischen Locri vor einer Pizzeria ausgetragen wurde und sechs Menschen im Kugelhagel starben, rühme man sich in Deutschland, dass es dort seither nicht mehr zu Morden gekommen sei. „Dabei ist die Tatsache, dass nicht mehr geschossen wird, kein Hinweis darauf, dass sich die Mafia in Deutschland nicht weiter ausdehnt“, wird der Generalsprokurator für Verfahren gegen die Mafia, Franco Roberti, zitiert.

„Die Mafia blüht weiter“

Die Mafia habe nur die Methoden geändert, sie blühe weiter, stellt Roberti fest. Vor einem Monat lud die italienische Botschaft in Berlin Experten zu einem Vortrag von Giuseppe Lombardo ein. Darin erklärte der Antimafia-Staatsanwalt der kalabrischen Hauptstadt, wie sich die Mafia gewandelt habe. Man sehe sie vielleicht nicht mehr, sie arbeite aber höchst erfolgreich – auch in Deutschland. „Die ’Ndrangheta bringt das Geld nicht mehr in Koffern, das machen für sie die Banken“, sagte Lombardo. Geldwäsche sei ein wichtiger Wirtschaftszweig der Mafia in Deutschland, der aber nicht auf die gebührende Weise von der deutschen Polizei verfolgt werde.

Es gebe mittlerweile kaum ein Bundesland mehr, in dem sich die Clans nicht ausdehnten. Es werde mit Rauschgift, Waffen, Immobilien und der Fälschung von Markenartikeln Geld verdient, zitierte „Il Sole“ den Staatsanwalt. Längst habe die Mafia auch ihre Ortsgruppen (Locali) in Deutschland reorganisiert, nachdem der Polizei im Juli 2005 ein erster Schlag gegen so ein Netz in Baden-Württemberg gelungen war. Zu den verschworenen „Locali“ gehören nach kalabrischer Tradition der ’Ndrangheta in der Regel 49 Mitglieder. Solche Gruppen gebe es in mehreren Bundesländern über Baden-Württemberg hinaus. In Italien wird bedauert, dass die Aktivitäten der Mafia von der ’Ndrangheta über die Camorra bis zur sizilianischen Cosa Nostra in Deutschland nicht mit der gebotenen Strenge verfolgt würden. Nördlich der Alpen bleibe man lieber dem Klischee verbunden, dass die Mafia in Italien blüht und gedeiht, schreibt „Il Sole“.

von JÖRG BREMER – faz.net