Was in Deutschland für Arbeitnehmer falsch läuft

Wo Menschen einen Job haben, sind Menschen zufrieden – besonders Skandinavien ist dafür ein Beleg. Doch warum ist Deutschland da eine Ausnahme? Eine Analyse zeigt, wo hierzulande die Stimmungskiller zu finden sind.

Warum nur sind die Skandinavier so viel glücklicher als die Deutschen? Der im Juni von der OECD veröffentlichte Beschäftigungsausblick 2017 liefert eine offensichtliche Antwort: Ohne Arbeit ist alles nichts. Aber Arbeit ist nicht alles.

Alleine schon die rohen Beschäftigungszahlen entsprechen in beträchtlichem Maße der Rangliste der zufriedensten Bevölkerungen. Island hatte 2016 von allen OECD-Ländern den höchsten Anteil von Berufstätigen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren (86,3 Prozent), gefolgt von der Schweiz (79,6 Prozent), Schweden (76,2 Prozent), Neuseeland (75,6 Prozent), Dänemark (74,9 Prozent) und den Niederlanden (74,8 Prozent). Deutschland (74,7 Prozent) fand sich auf Platz sieben und Norwegen (74,4 Prozent) auf Platz acht. Lediglich Finnland (69,2 Prozent) lag mit etwas Abstand auf Platz 18.

Die Beschäftigungszahlen spiegeln fast 1:1 die Ergebnisse des Weltglücksberichts 2017 der Columbia Universität wieder. Demgemäß sind die Menschen in Norwegen vor Dänemark und Island am glücklichsten. Die Schweiz folgt auf Platz vier, Finnland auf Platz fünf, die Niederlande auf Platz sechs. Neuseeland liegt auf Platz acht, Schweden auf Platz zehn. Aber Deutschland auf Platz 16.

Die allgemeine Beschäftigungssituation hat also ganz klar einen direkten positiven Einfluss auf die allgemeine Zufriedenheit in einer Gesellschaft. Wo viele Menschen einen Job haben, sind auch viele Menschen zufrieden. Zu erklären ist jedoch, wieso ausgerechnet Deutschland ein statistischer Ausreißer ist:

Die nach internationalen Vergleichskriterien standardisierten Arbeitslosenquoten sind hierzulande mit 4,1 Prozent höher als in Island (mit 3,0 Prozent), aber teils beträchtlich tiefer als in Norwegen (mit 4,7 Prozent), Dänemark (mit 6,2 Prozent), Schweden (mit 7,0 Prozent) oder gar Finnland (mit 8,8 Prozent). Obwohl mehr Deutsche als jemals zuvor einen Job haben und weniger denn je arbeitslos bleiben, bleiben sie vergleichsweise unglücklich(er). Was läuft da schief?

In einer etwas komplexeren Analyse ergänzen die OECD-Experten die quantitativen Beschäftigungsdaten um qualitative Aspekte. Dazu gehören Löhne und deren Entwicklung, Entlassungsrisiko, Arbeitsbelastung und Arbeitszeit sowie die Notwendigkeit, Überstunden machen zu müssen. Ebenso wurde einbezogen, wie weit Beschäftigung und Löhne zwischen den am besten und am schlechtesten Verdienenden sowie zwischen Männern und Frauen auseinanderliegen.

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Glücksempfinden: Deutschland nur gut

Das Ergebnis: „Die nordischen Länder, insbesondere Norwegen, Island und Dänemark, aber in geringerem Maße auch Schweden und Finnland, gehören im OECD-Vergleich zu den Ländern mit der besten Beschäftigungssituation“. Es sind genau jene Gesellschaften Skandinaviens mit den weltweit glücklichsten Bevölkerungen. Deutschland hingegen ist gut, aber eben nicht Spitze.

Arbeit zu haben, wirkt sich somit zwar durchaus positiv auf die Zufriedenheit aus. Aber es ist nicht genug. Die Qualität der Arbeit, das Arbeitsumfeld und der Stellenwert der Arbeit neben Freizeit und Familie sind ebenso wichtig für das Glücksempfinden. Arbeit ist eben viel. Aber sie ist nicht alles!

Deshalb ist es lohnend, sich die Kriterien genauer anzusehen, die der OECD Beschäftigungsausblick 2017 mit „Inklusion“ bezeichnet und damit gleichberechtigte Teilhabe meint. Da zeigen sich – gerade zu Deutschland – große Unterschiede, die mit erklären, wieso Deutsche, obwohl oder gerade weil sie ähnlich viel arbeiten im Vergleich zu Skandinavien so viel unzufriedener sind.

Die Bruttolöhne für Topverdienende sind in Skandinavien gut doppelt so hoch wie für Geringverdienende – in Deutschland sind sie dreimal so hoch. Gut für die wenigen oben, schlecht für die vielen unten auf der Lohnliste.

Besonders ausgeprägt unterscheiden sich Deutschland und Skandinavien, wenn man sich die „Lohnlücke“ zwischen den Geschlechtern beim durchschnittlichen Jahreseinkommen anschaut. Während in Finnland, Dänemark und Schweden Männer durchschnittlich jährlich ein Fünftel bis ein Viertel und in Island und Norwegen rund ein Drittel mehr verdienen als Frauen, sind es nach den Berechnungen der OECD in Deutschland 45 Prozent. Ist es da ein Wunder, dass Frauen in Deutschland unzufrieden sind mit der Beschäftigungssituation und neidisch nach Skandinavien blicken, wo sie deutlich bessere Chancen auf gut bezahlte Jobs hätten.

Schließlich stehen alle skandinavischen Länder zum Teil deutlich besser da als Deutschland, wenn es um die Beschäftigungschancen für Mütter mit Kindern, für Jugendliche nach der Ausbildung, für über 55-Jährige, für Menschen mit Migrationshintergrund und für Menschen mit Einschränkungen geht.

Viel Arbeit, wenig Lohn, viel Druck

Nimmt man das alles zusammen, zeigt sich wo in Deutschland die Stimmungskiller zu finden sind. Arbeitszeit, Verdienst und Freizeit, insbesondere für Familie und Kinder und damit vor allem für Frauen, sind hierzulande nicht so harmonisch ausgewogen wie in Skandinavien.

Zu viele Deutsche haben schlicht das Gefühl, zu viel zu arbeiten, zu schlecht zu verdienen und zu wenig Zeit für sich selber zu haben. Andere stehen zu stark unter Druck, fühlen sich ausgebrannt, möchten eine klare Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit oder vermissen die Möglichkeiten, sich Auszeiten nehmen und neu orientieren zu können.

Vor allem Eltern und da Frauen mehr als Männer haben in Deutschland anders als in Skandinavien ganz offenbar Schwierigkeiten, Berufs- und Einkommensziele mit Kinderwunsch und Lebensplanung in Einklang zu bringen.

Wo Arbeit einen so herausragenden Stellenwert hat, wie es in Deutschland – anders als in Skandinavien – der Fall ist, ist eine Unzufriedenheit mit der Arbeitswelt keine Bagatelle. Sie ist ein schrilles Alarmsignal, das alle aufwecken und aufrütteln sollte.

Sie kann, wie die OECD schreibt, zu „populistischen Gegenbewegungen“ führen, die „die wirtschaftlichen Vorteile einer globalen Integration“ – also von Freihandel, Freizügigkeit, offenen Märkten und Wettbewerb – infrage stellen. Deshalb müssten – so die OECD – „Maßnahmen rund um Beschäftigung, Kompetenzen und soziale Sicherung verstärkt und an ein sich änderndes wirtschaftliches Umfeld angepasst werden“.

Ganzheitliche Konzepte, wie sich die OECD-Forderungen in einer konsistenten Arbeitsmarkt-, Familien- und Sozialpolitik umsetzen ließen, findet man in den Parteiprogrammen zur Bundestagswahl kaum. Eigentlich schade. Denn das wären die Themen, über die gestritten werden müsste. Sie bestimmen, ob die Deutschen künftig nicht nur ökonomisch erfolgreich bleiben, sondern auch glücklich(er) werden.

Von Thomas Straubhaar – welt