Sexismus-Debatte Die eiskalte West-Frau

Die West-Frau verkauft sich und ihren Körper als Ware, ist eiskalt. Steile These, die der Leser da aufstellt, denke ich verblüfft. Per Mail, auf Papier und am Telefon flattern uns hier in die Redaktion sehr viele Lebenserfahrungen ins Haus. Der Beitrag von Norbert Meyer, einem 73-jährigen Ost-Mann aus Köpenick, zur aktuellen Sexismus-Debatte ist aber außergewöhnlich. Er geht mir als West-Frau tagelang nicht aus dem Kopf. Ich beschließe: „Den muss ich kennenlernen!“

Im Café sitzt mir ein gut aussehender, jünger wirkender Mann gegenüber. „Warum ziehen Sie so dermaßen vom Leder“, frage ich ganz direkt und er antwortet genauso offen. „Ich bin Physiotherapeut, war dreimal verheiratet, habe in meinem Beruf und privat etliche dieser seltsamen weiblichen Typen aus dem Westen kennengelernt.“ Ja wie? Und? Herr Meyer haut gleich noch Heftigeres raus.

Schlichter Schmuck – eine geschickte Untertreibung

„Die West-Frau hat sich immer verkauft, ihren Wert eingesetzt und war stark abhängig von Verdienst und Darstellung ihres Mannes.“ Wie hat er das erfahren? „Die West-Frau erwartet, dass man im Restaurant zahlt, die Ost-Frau lädt auch mal ein.“ Mir wird ganz blümerant, ich fühl’ mich traurig. Ach West-Schwestern, sind wir wirklich so furchtbar? Meine Freundinnen und Kolleginnen nicht!

„Vielleicht haben Sie bei der älteren bis in die 50er-Jahre aufgewachsenen Generation recht“, biete ich an. „Aber wir Jüngeren doch nicht. Wir verdienen auch als Mütter eigenes Geld, sind selbstständig und zugleich Ehefrau.“ Herr Meyer schüttelt den Kopf, er weiß es besser. „Sie hat einen anderen Stil“, legt er nach. „Die West-Frau trägt schlichten Schmuck, dessen Wert man nicht sofort erkennt. Ihres Wertes hingegen ist sie sich aber sehr bewusst. Das ist so eine geschickte Untertreibung.“ Herr Meyer berichtet von Ost-Bekannten im Westen. „Die blieben dort bäuerlich.“

Ich bin hilflos, das Ganze ist ein frustrierendes Hin und Her. Was meinen Sie? Bitte schreiben Sie mir Ihre Sicht der Dinge, ich bin gespannt darauf: Stichwort West-Frau; leser-blz@dumont.de

Von Susanne Dübber – berliner-zeitung