Millionen-Betrug und Sex-Dienstleistungen: Prozess gegen Sparkassen-Mitarbeiter startet

Ein früherer Mitarbeiter der Sparkasse Oberhessen soll mehrere Millionen Euro veruntreut haben. Ab heute steht er vor Gericht. Dort ging es auch um „sexuelle Dienstleistungen im SM-Bereich“ und Drogen.

Frechheit siegt. Zumindest für eine gewisse Zeit. Zehn Jahre lang verschob der Angeklagte fast neun Millionen Euro aus dem Vermögen der Sparkasse Oberhessen auf ein privates Konto. Unter den Augen von Kollegen und Vorgesetzten.

Angst aufzufliegen, hatte der Familienvater nicht. Sonst hätte er von einem Teil des veruntreuten Geldes kaum mehrere Wiesen und Äcker in seinem Heimatort Limeshain gekauft – in der Hoffnung, sie würden irgendwann zu Bauland. Auch sonst exponierte sich der 44-Jährige eher, anstatt leise zu treten. 2016 ließ er sich erneut ins Kommunalparlament wählen und wurde sogar dessen Vorsitzender.

Beiträge von bis zu 350 000 Euro auf eigenes Konto überwiesen

Der Absturz kam im April dieses Jahres, als die deutsche Kreditbank (DKB), bei der der Mann jenes private Konto besaß, eine Geldwäscheverdachtsmeldung an die Sparkasse schickte. Mitarbeitern der DKB waren bei Überweisungen Unregelmäßigkeiten aufgefallen.

Wie es sein könne, dass bei der Sparkasse Oberhessen niemand etwas bemerkt hatte, wollte Richter Jost Holtzmann, Vorsitzender der Wirtschaftsstrafkammer am Gießener Landgericht, am Donnerstag wissen. Von 2007 bis 2017 hatte der Mann in Abständen Beträge von bis zu 350 000 Euro auf sein Konto bei der DKB überwiesen.

»Ich kannte die Schwachstellen«, äußerte der frühere Fachbereichsleiter für das Rechnungswesen bei der Sparkasse Oberhessen nüchtern. »Es gab keine Regelungen für Bank-an-Bank-Geschäfte«, erläuterte der Wetterauer. Und das nutzte er aus.

Die eigene Unterschrift reichte aus

Für Buchungsbelege habe seine eigene Unterschrift ausgereicht. Seine Mitarbeiter, die solche Vorgänge kontrollieren sollten, seien täglich mit 150 Buchungsbelegen befasst, da falle so etwas nicht auf, schilderte der gelernte Bankkaufmann. Abgesehen davon »hatten meine Kollegen von der Ausbildung her keine Chance, etwas zu erkennen«, merkte er an.

Sein Mandant sei in der Abteilung der einzige ausgebildete Finanzbuchhalter gewesen, unterstrich Verteidiger Michael Simon. »Es gab keine sachlich-inhaltliche Prüfung, sondern nur eine formale.«

Abgesehen davon hatte der Täter die Überweisungen geschickt verschleiert. Damit beim Jahresabschluss die fehlenden Beträge nicht registriert wurden, glich er sie mit Hilfe eines prall gefüllten Kontos, auf dem die »Zinsforderungen gegenüber Beteiligungsgesellschaften« gesammelt wurden, aus. Über 30 Millionen seien auf diesem Konto gewesen. Die Überweisungen an sein privates Konto bei der DKB titulierte der Angeklagte lapidar mit Umbuchung oder Rückstellung.

Vater dreier Kinder

Einen besonders zerknirschten Eindruck machte der Vater dreier Kinder vor Gericht nicht. Im Gegenteil. Er sprach mit lauter und fester Stimme, zwinkerte sogar in die Reihen der Zuschauerbänke, als er in Handschellen in den Verhandlungssaal geführt wurde. Dort saßen unter anderem seine Mutter, ein Halbbruder und sein Schwager. Die Ehefrau fehlte.

Anhaltspunkte dafür, dass Angehörige von seinen Machenschaften wussten, gibt es jedoch laut Staatsanwalt Matthias Rauch nicht. Auch gegen andere Mitarbeiter der Sparkasse Oberhessen werde nicht ermittelt.

Laut Anklage sexuelle Dienste im SM-Bereich erkauft

Allerdings besitzt das heimische Geldinstitut auf Basis eines gerichtlichen Vergleichs einen Vollstreckungstitel. Zivilrechtlich kann die Sparkasse die volle Schadenssumme, rund 8,9 Millionen Euro, von dem Beschuldigten einklagen.

Strafrechtlich kommt der Mann besser weg. Da gewerbsmäßige Untreue nach fünf Jahren verjährt, verhandelt die Kammer »nur« die 34 Fälle aus der Zeit von 2012 bis 2017. Aber auch hier drohen für jede einzelne Tat zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.

Dabei schien das Leben des Realschülers perfekt: steile Karriere, Heirat, Haus, drei Kinder. Zufrieden war der Angeklagte wohl trotzdem nicht. Neben Aktien und Grundstücken kaufte er sich laut Anklage auch sexuelle Dienste von Frauen im SM-Bereich. In einem nicht-öffentlichen Teil der Sitzung wurde zudem auch eine »Suchtproblematik« des Limeshainers erörtert.

Verteidiger Simon sagte, sein Mandant habe bereits Beratungstermine wahrgenommen. Richter Holtzmann rechtfertigte den Ausschluss der Öffentlichkeit damit, dass beide Aspekte »nichts mit den Umständen der Tatbegehung zu tun haben«. Der Prozess wird fortgesetzt.

wetterauer